KASPAR HÄUSER MEER
FELICIA ZELLER
Premiere 01|2010
Theater Krefeld und Mönchengladbach
Kaspar Häuser Meer
Mit: Anja Barth, Esther Keil, Ines Krug
Bühne & Kostüme: Janine Hoffmann
Dramaturgie: Ulrike Brambeer
Fotos: Matthias Stutte
Rheinische Post | 17.04.2010
Tragikomödie auf dem Amt
"Das Studiostück ,Kaspar Häuser Meer" thematisiert Kindesmissbrauch aus der Perspektive der Sozialdienst-Mitarbeiter. Die Inszenierung von Anne Spaeter beeindruckte bei der Premiere in der Fabrik Heeder.
Wenn das Theater die Wirklichkeit trifft, geht es unter die Haut. In diesen Wochen, in denen der Missbrauch von Kindern täglich Thema in den Medien ist, sind die Pointen in Felicia Zellers Stück , Kaspar Häuser Meer" hochexplosiv. Das Stück, das jetzt in der Fabrik Heeder seine Krefeld-Premiere hatte, bohrt in den Missständen einer Gesellschaft der Überforderten. Familien werden hier zu Fällen, vernachlässigte Kinder zur Aktennotiz. Es erzählt nicht aus der Perspektive der Opfer oder der Täter, sondern lenkt den Blick auf die, die dazwischen die Balance finden müssen: die
Mitarbeiter im Allgemeinen Sozialdienst. Einige im Publikum gehörten dem Berufsstand offenbar an, denn oft raunte jemand: ,,So isses". Doch nicht nur für sie ist der Abend ein Gewinn.
Aber es ist kein Schuld-zuweisendes, schweres Problemstück geworden, sondern eine gute, bissige und tiefgründende Beobachtung, die Regisseurin Anne Spaeter und die Schauspielerinnen Ines Krug, Esther Keil und Anja Barth zum 90-Minuten-Vorgang mit langem Nachhall machen. So komisch und so tragisch wie das Leben. Krug, Keil und Barth sind Sozialarbeiterinnen, die sich abrackern wie Sisyphos, hoch motiviert, völlig überfordert, atem- und manchmal ziellos. Die Flut der zu bearbeitenden Hinweise auf familiäre Störfälle lastet schwer auf ihnen. Bühnenbildnerin Janine Hoffmann schickt sie aufs Laufband. Wie Koffer, die am Flughafen nicht abgeholt werden, kreisen sie durch die Kulisse.
Ihre Satze im Sozialamts-Jargon sind Endlosschleifen oder brechen in der Mitte ab. Sie sind Gefrustete die viele Klischees ausleben von der Büro-Zickerei bis zum Theorietriefenden Amtsdeutsch und glühenden Mitgefühl mit den ,,o so armen Kindern" und den ,,o so überlasteten Eltern".... Das intensive Spiel der Drei zeigt das Dilemma der Frauen vom Amt: Wann greift man ein?
Ein großes Stück Theater, gut in Szene gesetzt, mit wunderbaren Schauspielerinnen, die zum Lachen und zum Gruseln bringen können."